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Wolfgang Kleinwaechter Datume: Thursday, 24. August 2006
Von: Wolfgang Kleinwächter <wolfgang.kleinwaechter AT medienkomm.uni-halle.de>
An: wolfgang@imv.aau.dk
URL: http://imv.au.dk/~wolfgang/

Globalisierung und Cyberspace - Teil eins von sechs

Der Weltgipfel über die Informationsgesellschaft weist den Weg

Der Weltgipfel über die Informationsgesellschaft hat auf zwei Konferenzen in Genf (2003) und Tunis (2005) insgesamt vier Dokumente angenommen, die einen Katalog von Kerngrundsätzen, allgemeine Verpflichtungen von Staaten, einen Aktionsplan sowie eine Strategie zur Erreichung von bestimmten Zielen bis zum Jahr 2015 enthalten. Dieser Prozess soll dabei eng mit dem Prozess zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) verzahnt werden. Eine der strittigsten Fragen war dabei die Zukunft der Verwaltung des Internets. Der Tunis-Gipfel hat nun beschlossen, ein neues globales Internet Governance Forum (IGF) zu gründen, das erstmals Ende Oktober 2006 in Griechenland zusammen
kommen wird.

Der zweite Teil des Weltgipfels über die Informationsgesellschaft (World Summit on the Information Society – WSIS) ging am 18. November 2005 in Tunis nach drei intensiven Debattentagen zu Ende. An den Beratungen hatten Vertreter von 174 Staaten beziehungsweise der Europäischen Union, von 92 internationalen Organisationen, 606 nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) sowie 226 Wirtschaftsunternehmen teilgenommen. Ergebnis der Konferenz sind zwei Dokumente: das Tunis Commitment und die Tunis Agenda for the Information Society. Beide bauen auf der vom ersten Teil des Weltgipfels über die Informationsgesellschaft (WSIS I) im Dezember 2003 in Genf angenommenen WSIS-Grundsatzerklärung und dem ebenfalls dort verabschiedeten WSIS-Aktionsplan auf. Der WSIS-Prozess hat im Wesentlichen zum Ziel, einen global abgestimmten politisch-rechtlichen Rahmen für die Entwicklung der Informationsgesellschaft zu schaffen und die dafür notwendigen infrastrukturellen, materiell-technischen und personellen Voraussetzungen aufzubauen. Konkret heißt das, unter anderem jeden Ort der Erde an das Internet anzuschließen, Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Verwaltungen zu vernetzen sowie die Zahl der Internetnutzer weltweit von heute einer Milliarde auf drei Milliarden Menschen im Jahr 2015 zu erhöhen. Binnen zehn Jahren soll die Hälfte der Menschheit online sein (siehe).

Rasante Entwicklung des Internets

Die Entwicklung immer neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IT) – vom Computer über Fernmeldesatelliten bis zum Internet – und insbesondere die durch die Digitalisierung möglich gewordene Konvergenz von Daten-, Tele- und Massenkommunikation sind zu einer entscheidenden Triebkraft für die Globalisierung geworden (siehe).

Das Internet durchdringt alle Bereiche des Lebens, ignoriert die Grenzen von Zeit und Raum und macht virtuell alle Menschen auf dem Erdball zu Nachbarn. Ist eine Person oder ein Unternehmen erst einmal online, sind Verwandte und Bekannte, Zulieferer und Kunden – gleich ob sie in Sydney, Kapstadt, Tokio oder Rio de Janeiro zu Hause sind – nur einen Mausklick entfernt. Dies hat weit reichende politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Auswirkungen. Der weltweite elektronische Handel (E-Commerce) hat bereits die Billionen-Dollar-Grenze überschritten. Neue soziale Bewegungen konstituieren sich via Internet und agieren auf der globalen Bühne der Politik. Immer mehr öffentliche Dienstleistungen werden online angeboten.

Dabei fordert die Tatsache, dass der Cyberspace de facto grenzenlos ist, das traditionelle System der internationalen Beziehungen und des Völkerrechts, das auf dem Prinzip einer territorial definierten Rechtsordnung des souveränen Nationalstaats beruht, wie keine andere zuvor gewesene Entwicklung heraus. Individuelle nationalstaatliche Regelungen für das Internet – von Normen für den elektronischen Handel bis zum Kampf gegen Computerkriminalität – greifen zu kurz, da sie an den Landesgrenzen Halt machen. Ein nationales Gesetz gegen unerwünschte elektronische Werbung (Spam) ist eine gute Sache, bleibt aber ziemlich wirkungslos, wenn 95 Prozent der EMails aus dem Ausland kommen.

Eine Rechtsordnung für den virtuellen Raum zu schaffen, erfordert ein neues Miteinander von Regierungen und Parlamenten auf globaler Ebene. Und, sollen die Regelungen effektiv sein und funktionieren, müssen auch Techniker und Entwickler, Anbieter und Nutzer gleichermaßen in die Entwicklung entsprechender globaler Maßnahmen, deren juristischer Fixierung und der anschließenden Umsetzung einbezogen werden. Im Informationszeitalter definieren häufig die technischen Lösungen, das heißt die Protokolle und Standards, die Räume, in denen sich wirtschaftliche und soziale Aktivitäten entfalten können. »In cyberspace, code is the law«, schrieb bereits 1999 Lawrence Lessig.

Vor diesem Hintergrund ist der WSIS-Prozess als eine erste global angelegte Anstrengung der internationalen Staatengemeinschaft anzusehen, auf diese neue Herausforderung politisch zu reagieren. Der WSIS-Prozess hat die Tür zu einer terra incognita geöffnet, zu einem weithin noch unbekannten Terrain einer virtuellen Welt, in der jeder jederzeit an jedem Ort der Erde mit jedem kommunizieren, zusammenarbeiten und Handel betreiben kann.


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Erschienen bei gipfelthemen.de am 17.08.2006

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Vereinte Nationen. Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen. 1-2/2006. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

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