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Wolfgang Kleinwaechter Datume: Wednesday, 13. September 2006
Von: Wolfgang Kleinwächter <wolfgang.kleinwaechter AT medienkomm.uni-halle.de>
An: wolfgang@imv.aau.dk
URL: http://imv.au.dk/~wolfgang/

Globalisierung und Cyberspace - Teil vier von sechs

Phase 2: Tunis 2005

Bei der Vorbereitung des Tunis-Gipfels waren sich die Regierungen zunächst einig, das in Genf geschnürte Paket nicht wieder zu öffnen. So bildete der ›Genfer Konsens‹ die Grundlage für die Beschlüsse von Tunis. Dies ermöglichte es dem zweiten WSIS-Gipfel, sich auf die Vernetzung des WSIS-Prozesses mit anderen globalen politischen Prozessen, insbesondere mit den Millenniums-Entwicklungszielen (MDGs), und die offen gebliebenen Kernfragen – Finanzierung, Internetverwaltung und Follow-up – zu konzentrieren.

Verbindung von WSIS und MDGs

Wenige Wochen vor dem Gipfel in Tunis fand in New York der so genannte Weltgipfel 2005 statt. Dieses zuvor ›Millennium+5-Gipfel‹ genannte Treffen sollte eine Fünf-Jahres-Bilanz des bei der Umsetzung der im Jahr 2000 verabschiedeten ›Millenniums-Erklärung‹ Erreichten ziehen. Damals hatten 150 Staatsund Regierungschefs insgesamt acht Entwicklungsziele formuliert, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollten. Zwar ist der Aufbau einer globalen Informationsgesellschaft nicht als ein gesondertes Entwicklungsziel ausgewiesen, Ziel Nr. 8 ›Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft‹ enthält aber die vom WSIS-Prozess behandelten Themen. Seit dem Jahr 2000 hat sich die globale Informationswirtschaft rasant entwickelt: die Zahl der Internetnutzer verfünffachte sich zwischen 2000 und 2005 und stieg von 200 Millionen auf eine Milliarde weltweit. Angesichts dieser Entwicklung wurde deutlich, dass neue Informations- und Kommunikationstechnologien entscheidende Instrumente sein können und müssen, ohne deren Nutzung die MDGs nicht erreicht werden können. Umgekehrt wurde auch klar, dass eine Informationsgesellschaft nur auf jenen Zielen aufbauen kann, die in den MDGs formuliert sind. Insofern war es konsequent und für den WSIS-Prozess durchaus bedeutsam, dass das im September 2005 in New York angenommene Ergebnisdokument eine direkte Verbindung zum WSIS-Prozess herstellt.7 Bereits in den Genfer WSIS-Dokumenten von 2003 war auf die Wechselseitigkeit zwischen MDGs und Informationsgesellschaft hingewiesen worden. Die Tunis-Dokumente heben diesen Zusammenhang noch stärker hervor. Das ›Tunis Commitment‹ bezieht sich in Absatz 5 direkt auf die Ergebnisse des Weltgipfels 2005 und bekräftigt in Absatz 16, dass der WSIS-Prozess zur Erreichung der Millenniums- Entwicklungsziele beitragen will.

Finanzierung

Hinsichtlich der Finanzierung der ›Agenda für digitale Solidarität‹ hatte die von Kofi Annan eingesetzte Arbeitsgruppe für Finanzierungsmechanismen (Task Force on Financial Mechanisms – TFFM) in ihrem Schlussbericht vom Dezember 2004 Empfehlungen erarbeitet, die in die Tunis-Dokumente einflossen. So wird empfohlen, dass die internationalen Finanzinstitutionen – wie etwa die Weltbank oder die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung – ihre mittelfristigen Strategien überdenken und ITProjekten Priorität einräumen sollen. Weiterhin werden die Regierungen – vor allem in potenziellen Nehmerländern – aufgefordert, die politischen wie rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Investitionsanreiz für private Unternehmen erhöhen würden. Staatliche Gelder sollen vorrangig in Ausbildungsmaßnahmen fließen, einschließlich der Schulung von Politikern, Parlamentariern und Verwaltungsbeamten.

Die Industrie wird aufgefordert, Infrastruktur, Hard-und Software sowie IT-Anwendungen und -Dienste zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Neue technische Entwicklungen – wie drahtlose Breitband- Netzwerke (WiFi und WIMAX)9 im Bereich der Infrastruktur, der auf dem WSIS II vorgestellte 100- Dollar-Laptop oder Free-and Open-Source-Software-Lösungen – würden demonstrieren, dass sich nationale Strategien durchaus auch kostengünstig verwirklichen lassen.

Das noch in Genf umstrittene Projekt eines neuen internationalen Finanzierungsmechanismus – der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade hatte die Einrichtung eines ›Fonds für digitale Solidarität‹ (DSF) vorgeschlagen – wurde bereits Monate vor dem Tunis-Gipfel im März 2005 realisiert. Der DSF beruht auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und steht sowohl Regierungen als auch Regional- und Kommunalverwaltungen sowie Unternehmen offen. Neben Spenden will sich der Fonds vor allem aus Mitteln finanzieren, die nach dem so genannten ›Genfer Prinzip‹ generiert werden sollen. Demnach sollen öffentliche Verwaltungen, die in IT-Projekte investieren, ein Prozent des Finanzvolumens des jeweiligen Projekts an den DSF abführen. Im Gegenzug würden dafür die beteiligten Privatunternehmen sowie die jeweilige öffentliche Verwaltung das ›Siegel für digitale Solidarität‹ des DSF bekommen. Dieses Siegel soll in den kommenden Jahren zu einem weltweit anerkannten Markenzeichen aufgebaut werden.

 

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Erschienen bei gipfelthemen.de am 07.09.2006

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: Vereinte Nationen. Zeitschrift für die Vereinten Nationen und ihre Sonderorganisationen. 1-2/2006. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

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