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Max Senges Datum: Wednesday, 17. May 2006
Von: Max Senges senges (at) uno-komitee.de
An: redaktion@politik-digital.de
URL: http://www.uno-komitee.de/

Internet Governance Forum als institutionelles Novum

Max Senges ist Koordinator für Internet Governance des Komitees für eine demokratische UNO (KDUN).

Welches sind konkrete Ergebnisse, die durch den Gipfel 2003 in Genf und
2005 in Tunesien erreicht wurden?

Das wohl bedeutendste Ergebnis des WSIS sind nicht die politischen Entscheidungen, die speziell in Tunis eher entäuschend waren, sondern das Format und das Zusammenspiel der Akteure, das sich während des jahrelangen WSIS-Prozesses entwickelt hat. Die WSIS-Gipfel haben gezeigt, dass internationale Verhandlungen im 21. Jahrhundert nicht mehr zwingend vom Bild des traditionellen Diplomaten, der hinter verschlossenen Türen „geheime“ Verhandlung führt, geprägt sind. Natürlich finden exklusive Verhandlungen nach wie vor statt, aber generell war der WSIS-Prozess geprägt von relativ offener Interaktion zwischen Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Viele Beobachter und Akteure bewerten den tatsächlichen Einfluss, speziell der Zivilgesellschaft, zwar als limitiert. Für mich handelt es sich bei der Integration von Zivilgesellschaft und Wirtschaft in globale politische Verhandlungen jedoch um einen innovativen Prozess der naturgemäss langsam wächst und im WSIS einen entscheidenden Schritt weiter gekommen ist.

Als negatives Ergebnis muss meiner Meinung nach das Verhalten der UN in Bezug auf die inakzeptablen Praktiken des WSIS-Gastgebeberlandes Tunesien herausgestellt werden. Die UN muss zumindest während des Gipfels und bei damit im Zusammenhang stehenden Aktivitäten Presse- und Versammlungsfreiheit garantieren. Die tunesische Regierung hat die Durchführung eines ergänzenden zivilgesellschaftlichen Gipfels, als auch auch die Berichterstattung von regimekritischen Journalisten verhindert.

Wie schätzen Sie die Entwicklung des geplanten Internet Governance Forum
ein?

Die Entscheidung zur Kreation des Internet Governance Forums stellt wohl das interessanteste Ergebnis des WSIS dar, denn es ist in meherer Hinsicht ein institutionelles Novum. Es ist einerseits ein UN-geführter institutionalisierter Prozess, im Gegensatz zu einer supra-staatlichen Behörde, und andererseits werden in diesem Diskursraum zum ersten mal Diplomaten mit Wirtschaftsvertretern und zivilgesellschaftlichen Akteuren auf gleicher Augenhöhe zu Beratungen zusammenkommen.

Diese neue Herangehensweise ist auch im höchsten Maße für die Mission des Komitees für eine demokratische UNO relevant. Ziel des Komitees ist es ja, auf demokratischere Strukturen und Praktiken in der globalen Politik im allgemeinen und bei den Vereinten Nationen im speziellen hinzuwirken. Deshalb begrüssen wir die Schaffung eines im demokratischen Sinne offenen Forums und beteiligen uns an den Diskussionsprozessen über die Gestalltung dieses Forums.

Was sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Probleme, die im Rahmen eines Gipfels von der Weltgemeinschaft im Bereich Informationsgesellschaft
gelöst werden müssen?

Die Liste der hier zu nennenden Aufgaben ist endlos. Erlauben Sie mir ein konkretes Problem, das Problem der digitalen Spaltung herauszugreifen, da sich hier in den letzten Jahren ein Ansatz entwickelt, der das Potential hat, nachhaltig die globale Ungleicheit abzubauen. Unter digitaler Spaltung wird der ungleiche Zugang zu den neuen Informations- und Kommunikationsmedien und speziell zum Internet verstanden. Letztendlich geht es bei dem Thema jedoch um die generelle Ungleichheit bei Bildungschancen zwischen erster und „dritter Welt“ und damit letztlich auch um die ungleiche Verteilung wirtschaftlicher Chancen.

Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um diese dringendsten Probleme im
Bereich Informationsgesellschaft zu lösen?

Seit einigen Jahren hat sich - von der Entwicklergemeinde der Open Source Software inspiriert - eine Bewegung für den offenen Austausch und die gemeinsame Entwicklung von Lehrmaterialien (Open Educational Resources) und Wissensartefakten im allgemeinen (Open Access) entwickelt. Diese Herangehensweise hat meiner Meinung nach das Potential topaktuelle Weltklasse-Bildung für alle Menschen gleichberechtigt zugänglich zu machen. Dadurch könnte geholfen werden, die gravierende globale Ungleichheit abzubauen.

Angenommen eine „gute Fee“ könnte alle Wünsche erfüllen: Welche Maßnahmen
müssten getroffen werden, um alle am Gipfelprozess involvierten Interessensgruppen an einen Tisch zu bekommen?

Dieser Tisch müsste ein virtueller Tisch sein, an dem sich die Möglichkeiten und Werkzeuge für Online-Diskurse und –Zusammenarbeit drastisch verbessern – ebenso wie die Fähigkeit der Teilnehmer, diese auch zu nutzen. Ich gehe davon aus, dass das Internet Governance Forum in diesem Bereich Pionierarbeit leisten wird. Wir brauchen keine gute Fee sondern Mitbürger, die hier mit zupacken!



Erschienen bei gipfelthemen.de am 16.05.2006
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