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Sarah Bormann Datum:Thursday, 10. August 2006
Von: Sarah Bormann <sarah.bormann@weed-online.org>
An: <redaktion@politik-digital.de>
URL: http://www.weed-online.org

1.500 Liter Wasser für einen PC

Über die lange Reise eines PCs von der Produktion bis zum Nutzer und seine Implikationen für Arbeit, Umwelt und Entwicklung haben sich bisher nur Wenige Gedanken gemacht. Das Projekt pcGlobal klärt über die Arbeitsbedingungen und ökologischen Auswirkungen der Produktion und Verschrottung von Computern auf und beleuchtet damit einmal eine ganz andere Seite der Cybergesellschaft.

Täglich verbringen wir immer mehr Zeit in den Weiten des Internet, treffen uns im Chat, verabreden uns über Skype, shoppen per Mausklick und googlen Literatur. Das Internet als Netzwerk und Infrastruktur einer globalen Kommunikation gilt als immateriell, ebenso wie die Arbeit der Kommunikations- und WissenarbeiterInnen. Zugang zu dieser immateriellen Welt verschafft uns dabei ein höchst materieller Gegenstand: der Computer auf dem Schreibtisch. Der Computer ist dabei ein doppeltes Symbol. Sinnbild für die digitale Revolution und globale Vernetzung als informationstechnische Grundlage der Globalisierung einerseits, Sinnbild für die wirtschaftliche Globalisierung und ihre teils gravierenden Folgen andererseits. Die Computerproduktion selbst findet heute nämlich global statt und geschieht alles andere als per drag and drop.

Viel Material in einer immateriellen Welt

Entgegen der These von einer zunehmenden Entmaterialisierung ist der PC äußerst materialintensiv. Laut einer UN-Studie benötigt man, um einen Computer für den Heim- oder Bürobedarf zu fabrizieren 1.500 Liter Wasser, 22 kg chemische Stoffe und 240 kg fossile Brennstoffe (siehe auch "Computers and the Environment"). Zudem werden Metalle benötigt, die aus der ganzen Welt stammen: Nickel und Silber aus Sibirien, Kupfer aus dem chilenischen Norden, Zinn aus Südostasien, Gold aus den Minen Nigerias und Koltan geschürft im Kongo. Der Materialstammbaum eines Computers liest sich wie Jules Vernes Bestseller „In 80-Tagen um die Welt“.

Fortsetzung folgt - denn nun beginnt der Produktionsprozess. Die Elektronikindustrie ist eine der globalisiertesten Branchen überhaupt. Die einzelnen Bauteile eines PCs werden in Wertschöpfungsketten rund um den Globus produziert: Das Laufwerk kommt dann beispielsweise aus den Philippinen, Singapur oder Thailand, der Monitor aus Japan und die Festplatte aus China. Diese globale Arbeitsteilung ist das Ergebnis einer starken Auslagerungs- und Verlagerungsstrategie der Markenhersteller. Um die 75 Prozent der PC-Produktion ist heute an so genannte Kontraktfertiger ausgelagert. Kontraktfertiger sind inzwischen oft selbst multinational agierende Auftrags-Unternehmen wie Foxconn, Solectron oder Flextronic, die im Sinne einer Tarnkappenproduktion Waren fertigen, die dann unter dem Markennamen großer Konzerne wie HP, Dell, Fujitsu-Siemens und Apple verkauft werden. Die Arbeitsbedingungen bei den Kontraktfertigern und ihren Komponentenlieferanten sind teilweise menschenunwürdig.

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen

Jüngst wurde zum Beispiel durch einen Bericht in der britischen Zeitung Daily Mirror auf die Situation bei der Herstellung der Apple iPods aufmerksam gemacht. iPods werden von dem taiwanesischen Kontraktfertiger Foxconn in Shenzhen/ China produziert. Die Bezahlung der überwiegend weiblichen jungen Fabrikarbeiterinnen liegt illegal unterhalb des - eh schon nicht für die Sicherung des Lebensunterhalts reichenden - Mindestlohns, extreme Überstunden und 7-Tage-Wochen sowie die Nicht-Einhaltung von Arbeits- und Gesundheitsschutz sind dort die Regel. Foxconn ist jedoch kein Einzelfall: Vielerorts findet High-Tech-Produktion unter Sweatshop-Bedingungen statt. Dies ist die zweite Seite der Medaille, wenn über Exportsteigerung und technologische Spill-Over-Effects in Entwicklungs- und Schwellenländern debattiert wird. Denn ohne Zweifel sind es nicht mehr nur die entqualifizierten arbeitsintensiven Produktionsschritte, die nach Asien verlagert werden. Der deutsche Kontraktfertiger Infineon fertigt zum Beispiel neu eingeführte Halbleiterchips zunächst an seinem Forschungsstandort in Dresden. Die Massenfertigung findet dann aufgrund des Copyright-Schutzes in den USA statt und wird nach ca. zwei Jahren nach China verlegt. Die Verlagerungsstrategien werden von der Suche nach geringen Produktionskosten angetrieben. Denn in der Computerbranche sind derzeit die Gewinnmargen in der Produktion relativ gering und der Wettbewerb ist enorm – weshalb die beständige Suche nach neuen Niedrig-Lohnstandorten zur vorherrschenden Unternehmensstrategie im Produktions- und Montagebereich wird. Unterschiedliche Regionen werden weltweit zueinander in Konkurrenz gesetzt. Längst wird nicht mehr nur der Leiharbeiter in Deutschland mit seinen Kollegen in Singapur oder Malaysia verglichen, sondern der Standortwettbewerb hat den „globalen Süden“ erreicht. 2001 fanden in Zuge der Krise der New Economy starke Verlagerungsbewegungen von Osteuropa und Mexiko nach China statt. Heute gehen die ganz Mutigen bereits nach Vietnam. Mittels der permanenten Androhung zur Verlagerung drücken Unternehmen nicht nur Umwelt- und Arbeitsstandards, sondern eine realisierte Verlagerung kann auch in einer Region heftige Strukturkrisen auslösen.

Das Problem der Entsorgung

Des Weiteren sind Entwicklungsländer nicht nur in die globale Produktion von PCs eingebunden, sondern auch in die globale Verschrottung der ausgedienten Computer. Nach durchschnittlich drei Jahren auf dem Schreibtisch eines Users beginnt die Weltreise des PCs von neuem. So mancher PC findet dann im Rahmen illegaler Exporte wieder seinen Weg zurück nach China, Indien oder auch Nigeria. Dort landet er auf wilden Mülldeponien oder wird unter freien Himmel von Hand ausgeschlachtet. Giftiger Staub gelangt über die Kleidung der Beschäftigten in ihre Wohnhäuser, das Trinkwasser wird verschmutzt und langfristige ökologische Probleme für alle Anwohner sind vorprogrammiert.

Der kurze Lebenszyklus eines PCs ist folglich mit langfristigen Folgen verbunden. Bislang sind jedoch Alternativen rar. Es gibt keinen Computer auf dem Markt, der unter sozialen und ökologischen Bedingungen produziert wird. Zudem hat Apple zwar ein besseres Image als beispielsweise Dell. Beide lassen aber im gleichen Werk von Foxconn produzieren.

Um echte Alternativen durchzusetzen, d.h. die Verankerung von Umweltgerechtigkeit, menschengerechten Arbeitsbedingungen und eine stärkere Regulierung von Konzernen, muss jedoch zunächst überhaupt ein Problembewusstsein in der Öffentlichkeit hergestellt werden. Die wenigsten PC-User wissen, woher dieser stammt oder aber sie setzen High-Tech mit Fortschritt und Entwicklung gleich. Da Computer Alltagsgegenstände sind und dieses Thema tatsächlich uns alle angeht, startete die NGO Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung, WEED e.V. das Aufklärungs- und Informationsprojekt „PC global. Arbeit, Umwelt und Entwicklung in der globalen Computerproduktion“. Mittels Veranstaltungen, Publikationen, einem Dokumentarfilm, der Homepage www.pcglobal.org u. a. sprechen wir alle Interessierten an, informieren und vernetzen.

Erschienen bei gipfelthemen.de am 09.08.2006

Die Autorin Sarah Bormann ist Diplom-Politologin und Projektreferentin bei WEED e.V.

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