1.500 Liter Wasser für einen
PC
Über die lange Reise eines PCs von der Produktion
bis zum Nutzer und seine Implikationen für Arbeit, Umwelt
und Entwicklung haben sich bisher nur Wenige Gedanken gemacht.
Das Projekt pcGlobal klärt über
die Arbeitsbedingungen und ökologischen Auswirkungen
der Produktion und Verschrottung von Computern auf und beleuchtet
damit einmal eine ganz andere Seite der Cybergesellschaft.
Täglich verbringen wir immer mehr Zeit in den Weiten
des Internet, treffen uns im Chat, verabreden uns über
Skype, shoppen per Mausklick und googlen Literatur. Das Internet
als Netzwerk und Infrastruktur einer globalen Kommunikation
gilt als immateriell, ebenso wie die Arbeit der Kommunikations-
und WissenarbeiterInnen. Zugang zu dieser immateriellen Welt
verschafft uns dabei ein höchst materieller Gegenstand:
der Computer auf dem Schreibtisch. Der Computer ist dabei
ein doppeltes Symbol. Sinnbild für die digitale Revolution
und globale Vernetzung als informationstechnische Grundlage
der Globalisierung einerseits, Sinnbild für die wirtschaftliche
Globalisierung und ihre teils gravierenden Folgen andererseits.
Die Computerproduktion selbst findet heute nämlich global
statt und geschieht alles andere als per drag and drop.
Viel Material in einer immateriellen Welt
Entgegen der These von einer zunehmenden Entmaterialisierung
ist der PC äußerst materialintensiv. Laut einer
UN-Studie benötigt man, um einen Computer für den
Heim- oder Bürobedarf zu fabrizieren 1.500 Liter Wasser,
22 kg chemische Stoffe und 240 kg fossile Brennstoffe (siehe
auch "Computers
and the Environment"). Zudem werden Metalle benötigt,
die aus der ganzen Welt stammen: Nickel und Silber aus Sibirien,
Kupfer aus dem chilenischen Norden, Zinn aus Südostasien,
Gold aus den Minen Nigerias und Koltan geschürft im Kongo.
Der Materialstammbaum eines Computers liest sich wie Jules
Vernes Bestseller „In 80-Tagen um die Welt“.
Fortsetzung folgt - denn nun beginnt der Produktionsprozess.
Die Elektronikindustrie ist eine der globalisiertesten Branchen
überhaupt. Die einzelnen Bauteile eines PCs werden in
Wertschöpfungsketten rund um den Globus produziert: Das
Laufwerk kommt dann beispielsweise aus den Philippinen, Singapur
oder Thailand, der Monitor aus Japan und die Festplatte aus
China. Diese globale Arbeitsteilung ist das Ergebnis einer
starken Auslagerungs- und Verlagerungsstrategie der Markenhersteller.
Um die 75 Prozent der PC-Produktion ist heute an so genannte
Kontraktfertiger ausgelagert.
Kontraktfertiger sind inzwischen oft selbst multinational
agierende Auftrags-Unternehmen wie Foxconn, Solectron oder
Flextronic, die im Sinne einer Tarnkappenproduktion Waren
fertigen, die dann unter dem Markennamen großer Konzerne
wie HP, Dell, Fujitsu-Siemens und Apple verkauft werden. Die
Arbeitsbedingungen bei den Kontraktfertigern und ihren Komponentenlieferanten
sind teilweise menschenunwürdig.
Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen
Jüngst wurde zum Beispiel durch einen Bericht in der
britischen Zeitung Daily Mirror auf die Situation bei der
Herstellung der Apple iPods aufmerksam gemacht. iPods werden
von dem taiwanesischen Kontraktfertiger Foxconn in Shenzhen/
China produziert. Die Bezahlung der überwiegend weiblichen
jungen Fabrikarbeiterinnen liegt illegal unterhalb des - eh
schon nicht für die Sicherung des Lebensunterhalts reichenden
- Mindestlohns, extreme Überstunden und 7-Tage-Wochen
sowie die Nicht-Einhaltung von Arbeits- und Gesundheitsschutz
sind dort die Regel. Foxconn
ist jedoch kein Einzelfall: Vielerorts findet High-Tech-Produktion
unter Sweatshop-Bedingungen statt. Dies ist die zweite Seite
der Medaille, wenn über Exportsteigerung und technologische
Spill-Over-Effects in Entwicklungs- und Schwellenländern
debattiert wird. Denn ohne Zweifel sind es nicht mehr nur
die entqualifizierten arbeitsintensiven Produktionsschritte,
die nach Asien verlagert werden. Der deutsche Kontraktfertiger
Infineon fertigt zum Beispiel neu eingeführte Halbleiterchips
zunächst an seinem Forschungsstandort in Dresden. Die
Massenfertigung findet dann aufgrund des Copyright-Schutzes
in den USA statt und wird nach ca. zwei Jahren nach China
verlegt. Die Verlagerungsstrategien werden von der Suche nach
geringen Produktionskosten angetrieben. Denn in der Computerbranche
sind derzeit die Gewinnmargen in der Produktion relativ gering
und der Wettbewerb ist enorm – weshalb die beständige
Suche nach neuen Niedrig-Lohnstandorten zur vorherrschenden
Unternehmensstrategie im Produktions- und Montagebereich wird.
Unterschiedliche Regionen werden weltweit zueinander in Konkurrenz
gesetzt. Längst wird nicht mehr nur der Leiharbeiter
in Deutschland mit seinen Kollegen in Singapur oder Malaysia
verglichen, sondern der Standortwettbewerb hat den „globalen
Süden“ erreicht. 2001 fanden in Zuge der Krise
der New Economy starke Verlagerungsbewegungen von Osteuropa
und Mexiko nach China statt. Heute gehen die ganz Mutigen
bereits nach Vietnam. Mittels der permanenten Androhung zur
Verlagerung drücken Unternehmen nicht nur Umwelt- und
Arbeitsstandards, sondern eine realisierte Verlagerung kann
auch in einer Region heftige Strukturkrisen auslösen.
Das Problem der Entsorgung
Des Weiteren sind Entwicklungsländer nicht nur in die
globale Produktion von PCs eingebunden, sondern auch in die
globale Verschrottung der ausgedienten Computer. Nach durchschnittlich
drei Jahren auf dem Schreibtisch eines Users beginnt die Weltreise
des PCs von neuem. So mancher PC findet dann im Rahmen illegaler
Exporte wieder seinen Weg zurück nach China,
Indien oder auch Nigeria.
Dort landet er auf wilden Mülldeponien oder wird unter
freien Himmel von Hand ausgeschlachtet. Giftiger Staub gelangt
über die Kleidung der Beschäftigten in ihre Wohnhäuser,
das Trinkwasser wird verschmutzt und langfristige ökologische
Probleme für alle Anwohner sind vorprogrammiert.
Der kurze Lebenszyklus eines PCs ist folglich mit langfristigen
Folgen verbunden. Bislang sind jedoch Alternativen rar. Es
gibt keinen Computer auf dem Markt, der unter sozialen und
ökologischen Bedingungen produziert wird. Zudem hat Apple
zwar ein besseres Image als beispielsweise Dell. Beide lassen
aber im gleichen Werk von Foxconn produzieren.
Um echte Alternativen durchzusetzen, d.h. die Verankerung
von Umweltgerechtigkeit, menschengerechten Arbeitsbedingungen
und eine stärkere Regulierung von Konzernen, muss jedoch
zunächst überhaupt ein Problembewusstsein in der
Öffentlichkeit hergestellt werden. Die wenigsten PC-User
wissen, woher dieser stammt oder aber sie setzen High-Tech
mit Fortschritt und Entwicklung gleich. Da Computer Alltagsgegenstände
sind und dieses Thema tatsächlich uns alle angeht, startete
die NGO Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung, WEED
e.V. das Aufklärungs- und Informationsprojekt „PC
global. Arbeit, Umwelt und Entwicklung in der globalen Computerproduktion“.
Mittels Veranstaltungen, Publikationen, einem Dokumentarfilm,
der Homepage www.pcglobal.org
u. a. sprechen wir alle Interessierten an, informieren und
vernetzen.
Erschienen
bei gipfelthemen.de
am 09.08.2006
Die Autorin Sarah Bormann ist Diplom-Politologin
und Projektreferentin bei WEED
e.V.
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